Bild 2: Aus Luc. 1, 8-13.
Dieses Bild führt uns hinein in das Heilige des Tempels Gottes in Jerusalem, an die Stätte des Rauchaltars, der vor dem Vorhang des Allerheiligsten steht. Es ist die Stunde des Räucherns; Zacharias, der alte, fromme Priester, steht mit dem Räucherfass vor dem Altar, dessen vier Ecken von den Bildern der Cherubim getragen werden; der Dampf steigt auf von dem entzündeten Räucherwerk; da erscheint an der rechten Seite des Altars der Engel Gabriel mit dem aufblühenden Stengel der Himmelslilien in seiner Hand. Und Zacharias erschrickt und fürchtet sich, als er den Engel sieht.
Ein Engel verkündet dem Zacharias die Geburt eines Sohnes
Unter der Regierung des Königs Herodes lebte in einem kleinen, unbekannten Städtlein des jüdischen Gebirges ein frommer Priester: Zacharias. Seine Frau hieß Elisabeth. Beide waren rechtschaffene Menschen vor Gott, obwohl sie mitten unter einem sündigen Volk lebten. Alle Gebote und Anordnungen Gottes hielten sie auf das Genaueste ein. Ihr Leben war daher auch - was könnte man von einem Menschen schöneres sagen? - ohne allen Tadel.
Sie hatten kein Kind. Das war für sie ein sehr großes Leiden; denn gute Kinder zu haben, ist doch immer der schönste Wunsch und die größte Freude eines tugendhaften Ehepaares. Sie flehten oft und herzlich zu Gott, dass er ihnen diese Freude machen und ihnen einen Sohn schenken solle. Aber alle ihre Gebete schienen vergebens. Beide waren jetzt schon ziemlich alt; sie hatten deshalb keine Hoffnungen mehr, einen Sohn zu gebähren. Alles, was sie auf Erden noch zu erleben wünschten, war die Geburt des göttlichen Königs.
Jetzt war wieder einmal Zacharias an der Reihe, in dem Tempel zu dienen. Er reiste daher nach Jerusalem. Die Priester waren es gewohnt, ihre Verrichtungen durch das Los untereinander zu teilen. Den Zacharias traf es diesmal - mit geheimer Lenkung Gottes - in dem Heiligtum des Tempels das Rauchwerk zu opfern. Der Eingang des Heiligtums war mit einem prächtigen Vorhang verhüllt, der von dem hohen Gewölbe des Tempels bis auf den Boden herabhing. Zacharias ging in priesterlicher Kleidung mit dem goldenen Rauchfass hinter den Vorhang und trat zu dem Altar. Schon erhob sich der Weihrauch in Wolken empor. Das Volk stand draußen und flehte mit den Worten zu Gott: "Unser Gebet steige zu Dir, o Herr! Wie Weihrauch empor." Da erblickte Zacharias auf einmal auf der rechten Seite des Rauchaltars einen Engel. Er erschrak und bebte vor Furcht. Der Engel aber sprach freundlich zu ihm:
"Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört; deine Gemahlin Elisabeth wird einen Sohn bekommen und den sollst du Johannes nennen. Dieser wird dir große Freude machen; Ja, Viele werden sich über seine Geburt freuen, denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und starke Getränke wird er nicht trinken; schon von der Geburt wird er mit dem heiligen Geist erfüllt werden; viele Israeliten wird er zu dem Herrn ihrem Gott bekehren. Ja, im Geist und mit der Kraft des Elias wird er vor dem Herrn dem Erlöser, der nun bald erscheinen wird, hergehen. Er wird in den Kindern Israels die Gesinnungen ihrer Väter Abrahams, Isaaks und Jacobs erwecken. Die Ungläubigen wird er zur rechten Erkenntnis bringen, sie Weisheit und Rechtschaffenheit lehren und dem Herrn ein heiliges Volk bereiten."
Zacharias war vor Erstaunen beinahe außer sich. Eine solche Freudenbotschaft war über allen seinen Erwartungen. Er hatte die Hoffnung, einen Sohn zu bekommen, nicht nur aufgegeben - er hielt die Erfüllung dieser Hoffnung sogar für unmöglich. Daher sprach er zu dem Engel:
Was soll ich mich hiervon überzeugen? Denn ich bin alt und meine Frau hat auch schon viele Jahre hinter sich gebracht.
Der Engel, dem es wohl schmerzen musste, dass Zacharias ihm nicht glauben wollte, antwortete:
"Ich bin Gabriel, der vor dem Throne Gottes steht. Ich bin von Gott gesandt, dir diese Freudennachricht zu bringen. Und weil du meinen Worten nicht glauben wolltest, wirst du stumm sein und kein Wort mehr reden können, bis auf den Tag, an dem meine Worte in Erfüllung gehen werden."
Der Engel verschwand - Zacharias aber blieb stumm. So wurde er für seine unweisen Worte bestraft - und bekam zugleich ein bleibendes Zeichen, dass die Engelserscheinung keine bloße Einbildung gewesen sei.
Zacharias brauchte lange Zeit, sich von seinem Erstaunen und Schrecken zu erholen. Das Volk wartete indessen auf ihn und konnte gar nicht begreifen, warum er so lange im heiligen Tempel blieb. Endlich kam er heraus. Man sah es ihm sofort an, dass ihm etwas Außerordentliches begegnet sein musste. Er sollte das Volk nun laut segnen; aber er stand da und konnte kein Wort hervorbringen. Darüber wunderte sich das Volk noch mehr. Er segnete es indessen stillschweigend und gab ihm - indem er zum Himmel deutete - zu verstehen, dass er in dem Heiligtum eine himmlische Erscheinung gehabt hatte. Sobald seine Amtstage vorbei waren, kehrte er - mit freudigem Herzen - nach Hause zurück.
Deutung der Begegnung Zacharias mit dem Engel Gabriel
Mit dieser himmlischen Erscheinung eröffnet sich also die Geschichte des lang ersehnten Erlösers.
Die wichtigste Tat Gottes zum Heil der Menschen wird auf die würdigste Art angekündigt. Die Ankündigung geschieht durch einen der ersten Engel Gottes; am würdigsten Ort: in dem Heiligtum des Tempels, und zur würdigsten Zeit: der Stunde des Gebetes; und einem der würdigsten Männer: einem heiligen, tugendhaften Greis.
Gott offenbart sich dem Zacharias eben so, wie er sich vor Jahrtausenden dem Abraham zu erkennen gab. Er schenkt ihm auf die selbe Art einen Sohn; er lässt sich auch hier zu den Menschen herab; er hat sein Wohlgefallen an guten Menschen. Er kennt sie, er ehrt sie, er liebt sie; Er prüft sie durch lange Leiden und erfreut sie dann über alle ihre Erwartungen. Er erhört ihre Gebete - auch dann noch, wenn sie diese selbst schon längst vergessen haben.
Von dem kommenden Erlöser werden große Erwartungen erweckt. Johannes wird groß genannt - ein zweiter Elias - die Freude Vieler - un, was schon sein Name sagen will, Sohn der Gnade - Gottes Heil - Gottfried. Und doch ist er nur der Vorgänger des Erlösers. Der Erlöser selbst wird der Herr genannt. Ja, in ihm soll Gott selbst den Menschen nahe werden - auf eine Art, wie es bisher noch nie geschah.
Noch zu merken ist dieses: Gleich bei Beginn dieser heiligen Geschichte werden wir mächtig zur Besserung aufgefordert. Wie Gott die Verheißung des künftigen Heilandes der Welt dem besten Mann der Vorwelt - dem Abraham gab, so macht er auch jetzt die nahe Erfüllung dieser Verheißungen zuerst einem Mann zugänglich, der wie Abraham gesinnt war. Die meisten übrigen Israeliten, sowohl die Priester als auch das Volk nennt der Engel - so stolz sie auch auf ihre Rechtgläubigkeit waren - Ungläubige. Er sagt von ihnen, dass sie vor Allem zur wahren Erkenntnis, zur Rechtschaffenheit und zu den Gesinnungen Abrahams zurückkehren müssten. Vor ihren unheiligen Augen bleibe die himmlische Erscheinung für jetzt noch mit einem Vorhang bedeckt.
Lasst uns gleich am Anfang dieser Geschichte den schönsten Entschluss fassen, von ganzem Herzen nach Besserung zu streben. Je aufrichtiger dieses Bestreben ist, desto liebenswürdiger wird euch der Erlöser erscheinen, desto klarer wird euch seine Geschichte sein und desto mehr Freude und Segen werdet ihr daraus schöpfen können.